Jul 15, 2020 Marcus Paula 201times

Mit digitalem Bilderrahmen gegen das Vergessen

Am Beruflichen Schulzentrum Hechingen hat eine Klasse des Berufskollegs ihr Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt: Mit Geschichten zu den Einzelschicksalen der deportierten Hechinger Juden wollen sie einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte lebendig zu halten.

Von Dezember bis März dieses Schuljahres beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler der Berufskolleg-Klasse zum Erwerb der Fachhochschulreife intensiv mit der Geschichte der Hechinger Juden. Anstoß hierzu kam von außerhalb der Schulgemeinschaft: Ein Sponsor wollte die Finanzierung von Stolpersteinen übernehmen, um etwas gegen das Vergessen der einfachen, nicht prominenten Juden im Nationalsozialismus zu tun. Grund war eine Geschichte, die ihm sein Großvater erzählte. Dieser wurde immer wieder von einer jüdischen Frau um Essen für sich und ihre Kinder gebeten. Der Großvater half ihr bereitwillig, obwohl er so seine eigene Sicherheit aufs Spiel setzte. Doch eines Tages kündigte sie an, sie könne morgen nicht mehr kommen. Bis heute weiß man nicht genau, wer sie war und wie und wo sie zu Tode kam. „Die Schülerinnen und Schüler waren ergriffen von dieser Geschichte. Es war ihnen ein Bedürfnis, die einfachen Leute nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“, erklärte die das Projekt leitende Oberstudienrätin Pamela Rosenhahn. Allerdings konnte sich die Klasse mit den Stolpersteinen nicht anfreunden. „Uns hat die Vorstellung, dass man auf den Stolpersteinen läuft, sie letztlich mit Füßen tritt, nicht gefallen“, sagte Esma Kaya. Die Klasse fand jedoch eine Form des Erinnerns, die ihr angemessen erscheint.

Die Präsentation der ersten Ergebnisse hätte eigentlich schon viel früher stattfinden sollen, musste aber wegen Corona verschoben werden. Dass die Schülerinnen und Schüler eine sehr gute Form des Erinnerns gefunden haben, zeigte die prominente Gästeschar: Landrat Günther-Martin Pauli, Bürgermeister Philipp Hahn, Lothar Vees und Benedict von Bremen von der Initiative Hechinger Synagoge sowie Kreisschuldezernent Karl Wolf ließen es sich nicht nehmen, der Präsentation auf dem Pausenhof am Schlossacker beizuwohnen.

Landrat Pauli zeigte sich begeistert vom Projekt der Klasse. „Wir leben in einem Kreis, in dem es nicht nur zwei Konzentrationslager gab, sondern in dem auch in Hechingen und Haigerloch große jüdische Gemeinden vernichtet wurden. Gerade jüngeren Menschen muss am Ort des Geschehens diese Vertreibung und Vernichtung präsent sein. Wir dürfen vor unserer schlimmen regionalen Geschichte nicht die Augen verschließen, auch um vor diesem Hintergrund unsere demokratischen Freiheiten wertzuschätzen. Sie haben dazu einen wichtigen Beitrag geleistet“, lobte der Landrat die Schülerinnen und Schüler.

Auch die stellvertretende Schulleiterin, Frau Schneider-Loye, war voll des Lobes. In einer Zeit, in der Denkmäler mutmaßlicher Rassisten gestürzt werden, stelle sich die Frage, welche Erinnerungskultur historischen Verbrechen gerecht werde. „Ich finde, Auseinandersetzung mit Geschichte heißt vor allem, Geschichten zu erzählen. Die Menschen hinter den Opferzahlen müssen erkennbar werden. Dies ist Ihnen vorbildlich gelungen“, sagte Frau Schneider-Loye.

Die Schülerinnen Esma Kaya und Angelika Filatov betonten in ihrer Ansprache, ihre Motivation sei es vor allem gewesen, einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten, um eine Wiederholung zu verhindern. Ihr Dank galt ihrer Projektleiterin Pamela Rosenhahn, Benedict von Bremen, Lothar Vees, Stadtarchivar Thomas Jauch und nicht zuletzt dem Schulleiter Dr. Roland Plehn, der das Projekt immer unterstützt habe. Zwar verlassen die Schülerinnen und Schüler nun die Schule und damit auch das Projekt, doch wird dieses von anderen Klassen im Seminarkurs des beruflichen Gymnasiums der Schule weitergeführt. „Das Projekt wird damit zum Prozess“, kündigte Schulleiter Dr. Roland Plehn an. Der Vorteil der digitalen Bilderrahmen sei, dass sie sowohl ständig bearbeitet und ergänzt werden als auch an verschiedenen Standorten aufgestellt werden können, sei es in Schulen, Geschäften, im Rathaus oder in der Synagoge, so dass sich bald auch alle Hechinger Bürgerinnen und Bürger über die Schicksale der Hechinger Juden informieren können.  

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